Standard Chartered bereitet den Aufbau einer Krypto-Prime-Brokerage vor. Damit positioniert sich das Institut als erste global systemrelevante Bank (G-SIB), die institutionellen Kunden ein umfassendes Dienstleistungspaket für digitale Vermögenswerte anbieten will.
Die britische Grossbank will das Geschäft unter ihrer Venture-Capital-Einheit SC Ventures ansiedeln. Die Prime Brokerage soll Custody, Finanzierung, Handel und Clearing für Bitcoin, Ethereum und weitere digitale Vermögenswerte umfassen. Zur Zielgruppe gehören Hedgefonds, Family Offices, Vermögensverwalter und Unternehmen. Privatkunden erhalten keinen Zugang zu diesen institutionellen Dienstleistungen. Das Vorhaben befindet sich noch in einer frühen Planungsphase. Einen konkreten Starttermin gibt es bislang nicht.
Struktur umgeht strenge Kapitalvorschriften
Die Entscheidung, die Prime Brokerage ausserhalb der regulierten Kernbank anzusiedeln, folgt einer regulatorischen Logik. Unter den aktuellen Basel-III-Regeln müssen Banken für direkte Bitcoin-Bestände eine Risikogewichtung von 1'250 Prozent ansetzen. Das bedeutet: Für jede Million Dollar in Kryptowährungen muss eine Bank eine Million Dollar an Eigenkapital vorhalten. Diese Anforderung macht das direkte Halten von Krypto-Assets für Banken wirtschaftlich unattraktiv.
Venture-Capital-Investments unterliegen hingegen einer Risikogewichtung von etwa 400 Prozent. Die Struktur unter SC Ventures reduziert die Kapitalbelastung daher erheblich. Standard Chartered vermeidet so die prohibitiven Kosten, die eine direkte Bilanzierung von Krypto-Assets mit sich bringen würde. Gleichzeitig behält die Bank die volle Kontrolle über das Geschäft, da SC Ventures eine hundertprozentige Tochtergesellschaft ist.
Das Projekt trägt intern den Namen "Project37C". Eine LinkedIn-Mitteilung von SC Ventures im Dezember beschrieb das Vorhaben als "leichte Finanzierungs- und Marktplattform". Die Plattform soll Custody, Tokenisierung und Marktzugang kombinieren. Eine Prime Brokerage unterscheidet sich dabei von reiner Verwahrung: Sie umfasst zusätzlich Margin-Finanzierung, Wertpapierleihe und konsolidiertes Reporting.
Ausbau bestehender Digital-Asset-Aktivitäten
Standard Chartered hat bereits erhebliche Vorarbeit im Bereich digitaler Vermögenswerte geleistet. Im Juli 2025 lancierte die Bank einen Spot-Handelsservice für Bitcoin und Ethereum. Das Angebot richtet sich an institutionelle Kunden und ermöglicht den Handel der Paare BTC/USD und ETH/USD über die UK-Niederlassung. Standard Chartered wurde damit zur ersten global systemrelevanten Bank, die lieferbare Krypto-Spot-Trades anbietet.
Der Service integriert digitale Vermögenswerte in die bestehende Treasury-Infrastruktur. Fondsmanager nutzen dieselbe Plattform, über die sie Dollar, Euro oder Yen handeln. Kunden können ihre Krypto-Trades zudem bei jedem beliebigen Custodian abwickeln. Die Bank plant ausserdem die Einführung von Non-Deliverable Forwards (NDFs) für Kryptowährungen.
"Digitale Vermögenswerte sind ein grundlegendes Element der Entwicklung von Finanzdienstleistungen. Sie ermöglichen neue Wege für Innovation, grössere Inklusion und Wachstum in der gesamten Branche." - Bill Winters, Group CEO Standard Chartered
Im Dezember 2025 vertiefte Standard Chartered zudem die Partnerschaft mit Coinbase. Beide Unternehmen entwickeln gemeinsam Lösungen für Handel, Prime Services, Custody, Staking und Lending. Die Zusammenarbeit baut auf einer bestehenden Kooperation in Singapur auf. Dort ermöglicht Standard Chartered bereits Echtzeit-SGD-Überweisungen für Coinbase-Kunden. Darüber hinaus ging Standard Chartered eine strategische Partnerschaft mit dem Krypto-Prime-Broker FalconX ein. FalconX erhält Zugang zur Bankinfrastruktur von Standard Chartered. Damit kann der Krypto-Broker seinen institutionellen Kunden eine breitere Palette an Währungspaaren und schnellere grenzüberschreitende Abwicklungen anbieten.
Breites Ökosystem an Beteiligungen
SC Ventures verwaltet ein umfangreiches Portfolio an Digital-Asset-Beteiligungen. Die Bank hält Anteile an Zodia Custody und Zodia Markets. Diese Tochtergesellschaften bieten Krypto-Verwahrung und ausserbörslichen Handel an. Im Jahr 2023 gründete SC Ventures gemeinsam mit dem japanischen Finanzkonzern SBI Holdings ein Joint Venture in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das Gemeinschaftsunternehmen Global Digital Asset Holdings verfügt über ein Kapital von 100 Millionen Dollar. Der Fokus liegt auf Investitionen in Marktinfrastruktur, Compliance-Tools, DeFi, Tokenisierung und Zahlungsverkehr.
Zu den strategischen Investments des Joint Ventures zählen Twinstake, HiddenRoad und WalletConnect. Diese Beteiligungen unterstreichen den Fokus auf regulierte Digital-Asset-Innovation. Im April 2025 etablierte Standard Chartered zudem ein Wertpapierprogramm gemeinsam mit OKX und Franklin Templeton in Asien. Das Programm schafft Verbindungen zwischen traditionellen Finanzinstrumenten und dem Digital-Asset-Ökosystem.
Wettbewerbsumfeld verschärft sich
Standard Chartered agiert in einem zunehmend kompetitiven Umfeld. US-Grossbanken verstärken ihre Aktivitäten im Krypto-Bereich. JPMorgan prüft den Aufbau eines eigenen Krypto-Handelsdesks. Morgan Stanley reichte kürzlich ETF-Anträge ein. Somit drängen mehrere global systemrelevante Banken gleichzeitig in den institutionellen Krypto-Markt.
Die Nachfrage institutioneller Investoren nach digitalen Vermögenswerten wächst stetig. US-Spot-Krypto-ETFs verwalten inzwischen etwa 140 Milliarden Dollar. Diese Summe haben die Fonds seit ihrer Zulassung vor zwei Jahren akkumuliert. Die ETF-Zuflüsse signalisieren ein anhaltendes Interesse grosser Vermögensverwalter an der Anlageklasse.
Der regulatorische Rahmen entwickelt sich parallel weiter. Die britische Financial Conduct Authority (FCA) wird ab September 2026 Anträge für Krypto-Dienstleistungen entgegennehmen. Eine umfassendere Aufsicht soll im Oktober 2027 beginnen. Standard Chartered positioniert sich entsprechend vor dem Inkrafttreten des neuen Regelwerks.
Ausblick auf den institutionellen Markt
Die Initiative von Standard Chartered markiert einen strategischen Schritt im institutionellen Krypto-Markt. Das Prime-Brokerage-Modell unter SC Ventures könnte als Blaupause für andere Grossbanken dienen. Diese Institute stehen vor ähnlichen regulatorischen Hürden beim Einstieg in den Digital-Asset-Bereich.
Die Kombination aus Spot-Handel, Custody, Finanzierung und Clearing in einer Plattform adressiert die fragmentierte Infrastruktur. Hedgefonds und Vermögensverwalter benötigen derzeit oft mehrere Dienstleister für unterschiedliche Funktionen. Ein integriertes Angebot einer global systemrelevanten Bank könnte diese Komplexität folglich reduzieren.
Die Coinbase-Partnerschaft deutet auf eine Arbeitsteilung hin: Standard Chartered bringt globale Bankreichweite, Custody-Infrastruktur und Devisen-Expertise ein. Coinbase steuert eine der ausgereiftesten institutionellen Krypto-Plattformen bei. Aus dieser Kombination könnte ein umfassendes Ökosystem für institutionelle Investoren entstehen.








