Gefrässige Bundesbahnen

An SBB-Automaten können seit kurzem Franken in Bitcoins gewechselt werden. Prinzipiell lobenswert, in der Praxis eher ein Rohrkrepierer.

Die NZZ bezeichnet die Aktion zwar als «Marketing-Instrument», die Aufgeschlossenheit der SBB ist dennoch erfreulich. Doch bei genauerem Hinsehen hat die Massnahme Schönheitsfehler. Der erste: Bahntickets können mit der digitalen Währung nicht bezahlt werden. Im zweijährigen Pilotprojekt soll lediglich geprüft werden, ob überhaupt ein Markt bestehe, heisst es von offizieller Seite. Viel schwerer wiegt jedoch die Tatsache, dass der auf der Homepage verkündete Vorteil der «sehr niedrigen Transaktionskosten» von der SBB nicht erfüllt wird: Offiziell betragen die Umtauschgebühren sechs Prozent, in Wahrheit sind es jedoch bis zu 9,5 Prozent. Zum Vergleich: Bei digitalen Transaktionen liegen die Gebühren bei einem Prozent, wer einen Automaten von Bitcoin Suisse nutzt, bezahlt 4,5 Prozent. Diese Zusatzkosten gegenüber gänzlich digitalen Transaktionen werden mit Aufwänden für die Hardware, den Geldtransport und Standortkosten begründet. Dass die SBB höhere Gebühren verlangen, ist insofern irritierend, als dass der Grossteil der Fixkosten bei Billettautomaten ja so oder so anfällt. Nötig war lediglich ein Softwareupdate.

Wirklich problematisch aber ist, dass die SBB – eine öffentlich-rechtliche Aktiengesellschaft, die zu 100 Prozent dem Bund gehört – mit versteckten Gebühren arbeiten. Wer etwa am 10. November 50 Franken eintauschte, hätte nach offiziellem Wechselkurs 0,0712 Bitcoin erhalten, am SBB-Automaten jedoch nur 0,065 Bitcoin – eine Differenz von rund 9,5 Prozent. Gleiches Spiel am 13. November: Für 50 Franken hätte ein Kunde offiziell 0,0724 bekommen, bei der SBB waren es nur 0,0661 Bitcoin. Wieder fielen Gebühren von 9,5 Prozent an. Von diesen 9,5 Prozent werden jedoch nur sechs auf der Quittung ausgewiesen, 3,5 sind in einem höheren, für die Kunden nachteiligen Bitcoin-Referenzpreis versteckt. Dieses Vorgehen widerspricht der Grundidee von Kryptowährungen diametral. Schliesslich stehen sie für ein demokratischeres Geld- und Finanzsystem und mehr Kundenautonomie. Die SBB-Pressestelle verweist auf Anfrage auf das Partnerunternehmen Sweepay, das die Transaktionen abwickelt. Das in Zug ansässige Unternehmen sei für die Durchführung und auch die angebotenen Wechselkurse verantwortlich, so die Auskunft. Da man Sweepay auf den Quittungen als zuständiges Unternehmen ausweise, sei das Vorgehen der SBB in dieser Hinsicht «transparent».

Rodolphe Texier, CEO von Sweepay, erklärt die sechs Prozent Wechselgebühren mit der erhöhten Zahl an Intermediären. Zudem würden Kunden durch das dichte Automatennetz, das jederzeit zugänglich sei, einen grösseren Komfort erfahren. In Zukunft könnten die Kosten aber durchaus sinken, so der CEO. Dass systematisch nachteilige Wechselkurse an die Kunden weitergegeben würden, bestreitet Texier: «Diese höheren Kosten tragen wir beim Ankauf der Bitcoin selbst.» Dass an mehreren Tagen 3,5 Prozent angefallen seien, sei Zufall. Texier kann sich aber vorstellen, zumindest auf der eigenen Website den Bitcoin-Wechselkurs auszuweisen, um den Kunden die Nachvollziehbarkeit der angebotenen Kurse zu erleichtern. Zuletzt verweist Texier auf das europäische Ausland. In Frankreich und Österreich seien Gebühren von neun bis zehn Prozent an der Tagesordnung. Eine Nachfrage beim österreichischen ATM-Betreiber Coinfinity zeigt jedoch: Dort werden nur 4,2 Prozent Gebühren verlangt.

Wenn sich ein Staatsbetrieb neuen Technologien gegenüber offen zeigt, ist das grundsätzlich begrüssenswert. Doch bezüglich Transparenz, auch auf der SBB-eigenen Webseite, besteht grosser Optimierungsbedarf. Bitcoin ist eine mögliche Antwort auf unser fragiles Finanzsystem. Und genau deshalb sind Transparenz und faire Gebühren essenziell.

Dieser Artikel ist im Original auf punktmagazin.ch erschienen und ist Teil einer Kooperation.

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