Das Governance-Drama bei Aave dreht sich nicht um eine einzelne Abstimmung oder einen einzelnen Einnahmestrom, sondern um eine aufgeschobene, aber unvermeidliche Frage, die für die gesamte DeFi-Community relevant ist:
Wem gehört der wirtschaftliche Wert eines dezentralen Protokolls, wenn die Governance onchain stattfindet, aber Marke, Benutzeroberfläche und zentrale Distributionskanäle bei einem privaten Betreiber liegen?
Unser Artikel Aave's governance crisis: the vote is over, the ownership question isn't... wurde am 30. Dezember 2025 veröffentlicht. Sechs Wochen später ist es Zeit für ein Update. Der Grund: Aave Labs hat einen Schritt gewagt, der in DeFi-Streitigkeiten selten vorkommt - einen schriftlichen Versuch eines grossen Gesamtpakets.
Das Aave Will Win Framework wurde von Aave Labs am 12. Februar 2026 veröffentlicht. Der Temp Check schlägt vor:
- 100% der Einnahmen aus Aave-Markenprodukten an die Treasury der Aave Decentralized Autonomous Organization (DAO) weiterzuleiten;
- Aave V4 als künftige Protokoll-Architektur zu ratifizieren;
- Eine Aave Foundation zur Verwaltung der Markenrechte zu gründen; und
- Ein Finanzierungsrahmenwerk zu etablieren, über das die DAO die Arbeit von Aave Labs finanziert.
Vereinfacht ausgedrückt: Die Einnahmen der Plattform fliessen an die Token-Inhaber, und die Token-Inhaber finanzieren den Plattformbetreiber. Dieser Temp Check - ein offizieller erster Schritt im Governance-Prozess - schlägt zwar echte Veränderungen vor, beantwortet aber die Eigentumsfrage nicht abschliessend. Stattdessen verlagert er das Thema Eigentum in eine reifere (und schwierigere) Arena: Definitionen, Kontrollmechanismen und Governance-Absicherungen.
Von "Wem gehört die Plattform?" zu "Was sind 100% der Einnahmen?"
Die wichtigste Zeile im Temp Check ist zugleich die fragilste: "100% der Produkteinnahmen von Aave Labs fliessen an die DAO." Sauber umgesetzt würde dies die Kernspannung direkt adressieren, die im Dezember letzten Jahres rund um die CoW-Swap-Integration und die wahrgenommene Wertabwanderung auf der Interface-Ebene eskalierte.
Allerdings definiert der Vorschlag "Einnahmen" als Bruttozuflüsse abzüglich mehrerer Abzugskategorien, darunter Partner-Umsatzbeteiligungen, Rabatte/Subventionen und "zusätzliche direkte Nutzeranreize". Zudem wird ausdrücklich festgehalten, dass Aave Labs nach eigenem Ermessen bestimmte Zuflüsse in Anreize umleiten kann (mit verzögerter Offenlegung). Genau hier wandelt sich Alignment vom Narrativ zur Mechanik.
Die praktische Frage ist nicht mehr, ob der Wert an die DAO fliessen soll. Darüber herrscht im Ökosystem weitgehend Einigkeit. Vielmehr geht es darum, ob die DAO die Definition der zugesagten Zahl verifizieren, prüfen und letztlich kontrollieren kann. Um zu verstehen, warum die Debatte um die Einnahmendefinition so wichtig ist, müssen Investoren zunächst die aktuelle Bilanz der DAO betrachten.
Das ist kein "Gotcha-Moment." Es ist der Unterschied zwischen Token-Holder-Eigentum als Prinzip und Token-Holder-Eigentum als durchsetzbarem wirtschaftlichem Recht.
Das Gesamtpaket: Vier Entscheidungen in einer Abstimmung
Aave Labs positioniert das Framework als eine einheitliche, integrierte Strategie: Einnahmen-Alignment, V4-Ratifizierung, Markenverwaltung über die Aave Foundation und ein erheblicher Finanzierungsantrag.
Als Strategie ist die Bündelung nachvollziehbar: Die Komponenten sind voneinander abhängig. Wenn die DAO Produkteinnahmen erhält, muss sie die Produktentwicklung finanzieren; wenn V4 der Wachstumsmotor ist, sollten sich Dienstleister darauf ausrichten; wenn die Marke entscheidend ist, braucht sie rechtliche Verwaltung. Aus Governance-Perspektive ist die Bündelung jedoch riskant: Sie zwingt Delegierte zu einer Alles-oder-Nichts-Abstimmung über vier verschiedene Risikoprofile.
Genau das ist die Kritik vieler Delegierter, die das Ziel unterstützen, aber den Weg dorthin hinterfragen. Marc Zeller, Gründer der Aave Chan Initiative (ACI), lieferte eine sehr direkte Zusammenfassung dieser Stimmung. Er stellt infrage, ob es angemessen ist, einen grossen Finanzierungsantrag mit strategischen Ratifizierungen zu kombinieren. Dabei betont er seine Unterstützung für eine stärkere Token-zentrierte Ausrichtung, fordert aber klarere Bedingungen bei der Einnahmendefinition, der Reihenfolge und den Offenlegungspflichten.
"Die DAO erhält die Einnahmen" bedeutet eigentlich "Die DAO wird zum Zahler"
Aave Labs gibt an, in der Vergangenheit wesentliche Teile von Aaves Produkt-, Rechts-, Compliance-, Markenschutz- und Wachstumsaktivitäten selbst finanziert zu haben. Ihr Vorschlag vom Februar 2026 beinhaltet einen expliziten Tausch: Wenn die DAO Produkteinnahmen erhält, muss sie nun Aave Labs finanzieren, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Theoretisch ist das schlüssig, doch drei praktische, für Investoren relevante Fragen bestehen rund um Preisgestaltung, Kontrolle und Präzedenzfall:
- Steht das vorgeschlagene Budget in einem angemessenen Verhältnis zu den umgeleiteten Einnahmen und dem übernommenen Ausführungsrisiko?
- Was erhält die DAO tatsächlich über ein Cashflow-Versprechen hinaus - vertragliche Durchsetzbarkeit, Prüfungsrechte, Kündigungs-/Verlängerungshebel und Meilenstein-Gates?
- Wenn "Betreiber wird von der DAO finanziert" zur Vorlage wird, welche Governance-Standards (Offenlegung, Interessenkonflikt-Normen, Prüfung) werden dann für alle Dienstleister verbindlich?
Die Community ist nicht grundsätzlich dagegen, dass DAOs Beitragende finanzieren. Sie ist dagegen, dass DAOs Beitragende ohne durchsetzbare Leitplanken finanzieren.
Wird eine Foundation die Machtprobleme lösen oder replizieren?
Die Frage, wem die Marke Aave gehört, bleibt bestehen. Aave Labs argumentiert, dass die DAO als nicht-juristische Person Markenrechte weder halten noch verteidigen kann. Der Vorschlag sieht eine Aave Foundation vor, die künftig die Aave-Markenrechte hält und verwaltet. Ihr Auftrag: die Marke im Einklang mit DAO-genehmigten Parametern zu schützen und zu lizenzieren (Details sollen folgen).
Diese Richtung ist sinnvoll. Markenrechte erfordern aktive rechtliche Verteidigung, und DAOs verfügen in der Regel nicht über die rechtliche Stellung, um diese Rechte durchzusetzen.
Markenverwaltung reduziert das Zentralisierungsrisiko allerdings nur dann, wenn die Architektur wirklich unabhängig ist, operativ kompetent und durch Governance in einer Weise eingeschränkt, die in der Praxis nicht umgangen werden kann. An diesem Punkt zählt das Kleingedruckte mehr als Absichtserklärungen.
V4-Ratifizierung: Eine Wachstumswette ohne den heutigen Motor zu gefährden
Das vorgeschlagene Framework verlangt von der DAO, Aave V4 als zentrale technische Richtung des Protokolls zu ratifizieren. Es skizziert eine schrittweise Implementierung, bei der V3 weiter betrieben wird, die wesentliche Neuentwicklung aber in Richtung V4 verlagert werden könnte. Das ist nicht nur eine technische Roadmap, sondern eine Kapitalallokationsentscheidung. Entwicklerressourcen, Anreize für Beitragende und Governance-Aufmerksamkeit sind begrenzt. V4 zu priorisieren bedeutet, diese Ressourcen auf die künftige Architektur auszurichten, statt die bestehende Einnahmenmaschine in V3 zu optimieren.
V3 ist das bewährte Produktionssystem, das die aktuellen Gebühren generiert. V4 steht für langfristige Optionalität und Wettbewerbspositionierung. Investoren sollten erwarten, dass Delegierte die Reihenfolge kritisch hinterfragen: Kann Aave V4 finanzieren und aufbauen, ohne die kurzfristige Ökonomie von V3 zu schwächen, oder hilft eine frühe V4-Ratifizierung, das Ökosystem effektiver zu koordinieren?
Beide Wege können rational sein. Die entscheidende Variable ist die Governance-Glaubwürdigkeit: Wie sauber Aave einen Mehrversionenübergang managen kann, ohne die aktuellen Cashflows zu destabilisieren.
Hat die DAO gewonnen?
Das hängt davon ab, wie man Gewinnen definiert. Wenn es als Erfolg gilt, das Ökosystem dazu zu bringen, öffentlich zu klären, wer den wirtschaftlichen Wert von Aave vereinnahmt, dann hat der Governance-Druck eindeutig gewirkt. Aave Labs hat mit einem Framework reagiert, das Produkteinnahmen zur DAO umleitet und Token-Inhaber als primäre wirtschaftliche Begünstigte anerkennt. Aber wenn ein "Sieg" bedeutet, die Eigentumsfrage vollständig zu klären, dann ist die Debatte noch nicht vorbei.
Im Dezember eskalierte ein anfangs eng begrenztes Thema - das Routing von Frontend-Gebühren - zu etwas Grösserem. Es legte eine strukturelle Realität offen: Token-Holder-Eigentum in DeFi basiert oft auf Normen und Erwartungen, nicht auf rechtlich oder vertraglich durchsetzbaren Ansprüchen.
Der Vorschlag von Aave Labs ist der erste ernsthafte Versuch, diese Beziehung zu formalisieren. Formalisierung erfordert aber präzise Definitionen, durchsetzbare Rechte und Governance-Absicherungen - und diese Details werden noch verhandelt.
Worauf sich der Fokus jetzt verschiebt
Die Marktaufmerksamkeit wird sich nun auf die Governance richten und darauf, ob die nächsten Iterationen liefern:
- Eine DAO-kontrollierte Definition von Einnahmen (nicht nur eine von Aave Labs definierte Nettozahl) plus glaubwürdige Verifizierung/Prüfbarkeit.
- Entbündelung und Sequenzierung, damit die DAO zum Alignment "Ja" sagen kann, während Finanzierungs- und Governance-Strukturen in separaten Abstimmungen verhandelt werden.
- Unabhängigkeit für die vorgeschlagene Aave Foundation, die das rechtliche Markenproblem löst, ohne eine einseitige Kontrolle über die Markenebene neu zu schaffen.
- Finanzierungsabsicherungen: Meilenstein-Gates, Verlängerungshebel, Kündigungsrechte, Transparenzstandards und klare Berichtspflichten, die mit der Budgetgrösse skalieren.
Eine unbequeme, aber bullische Schlussbemerkung
Es gibt einen Grund, warum das über Aave hinaus wichtig ist. Die meisten DeFi-Protokolle basieren stillschweigend auf derselben Aufteilung: eine DAO, die "das Protokoll besitzt", und ein Betreiber, der die Distributionsoberflächen kontrolliert, die Nutzer tatsächlich verwenden. Aave ist lediglich der erste Blue-Chip, bei dem diese Eigentumsdebatte öffentlich geführt wird.
Die optimistische Lesart ist nicht, dass ein Konflikt stattgefunden hat, sondern dass der Konflikt einen Weg zu einem Alignment hervorgebracht hat, das in der gesamten DeFi-Welt kopiert werden kann. Das setzt allerdings voraus, dass Aave eine durchsetzbare Struktur tatsächlich liefert. Dies würde den aktuellen Governance-Abschlag für Aave beseitigen.
Anders gesagt: Die Governance-Abstimmung letztes Jahr war nie die eigentliche Geschichte. Die eigentliche Geschichte ist, ob DeFi den Sprung von "Governance als Stimmungsbild" zu "Governance als glaubwürdigem Eigentum" schaffen kann, ohne die Teams zu zerbrechen, die an den Produkten arbeiten. Aave hat einen echten Schritt in diese Richtung gemacht. Jetzt muss es beweisen, dass dieser Schritt trägt.





